Warum das Risiko einer Gasmangellage 2026 wieder real ist!
Seit des Ukraine-/Russland-Konfliktes hat unsere Gasbeschaffung in Deutschland einen politisch gewollten dramatisch schnellen Umbau der Belieferungskette hingelegt. Von über 60% russischen Gasbezugs ist mittlerweile in Deutschland der direkte Gasbezug aus Russland auf null Prozent runtergefahren. Der Wegfall des Lieferanten Russland wurde kompensiert durch Aufstockung der norwegischen Lieferkapazitäten per Pipeline und durch den Import von LNG-Gas, das fast ausschließlich durch die USA gestellt wird.
Neben dem Pipeline- und LNG-Gas stellten immer, insbesondere in den Wintermonaten, die deutschen Gasspeicher eine wichtige Versorgungssicherheitssäule dar. Aber gerade diese dritte Säule liefert aktuell alarmierende Signale. In der jüngsten Vergangenheit wurden Gasspeicherkapazitäten reduziert, die Speicherbefüllung für den Wintervorrat 2025/26 wurde mit ca. 75 % (Stand 01.11.25) gegenüber dem Vorjahr (98 % - Stand 01.11.24) deutlich geringer vorgenommen und die seit Jahresbeginn anhaltende, kühle Wettersituation haben den allgemeinen Heizbedarf signifikant erhöht, sodass die gesamte deutsche Gasspeicherbefüllung auf < 38% (37,49%- Stand 24.01.26) gesunken ist.
Aber der Befüllungsgrad allein ist nicht entscheidend, sondern auch wie schnell er sich momentan reduziert. Sollten die aktuell niedrigen Temperaturen sich im Februar fortsetzen, ist zu befürchten, dass wir bei den Speicherständen unter die kritische Marke von 20% fallen, wo die Fachleute von einer Gasmangellage sprechen. In dem Fall kommt der 2022 im Zuge des Ukrainekrieges (Wegfall der russischen Pipelinelieferungen) entwickelte Notfallplan der Bundesregierung mit seinen drei Stufen zum Einsatz:
Frühwarnstufe (Stufe 1): Krisenstab beim Bundeswirtschaftsministerium beobachtet die Lage; Versorger treffen erste Maßnahmen.
Alarmstufe (Stufe 2): Marktakteure (Versorger) ergreifen Maßnahmen (z.B. Optimierung von Lastflüssen und Regelenergieeinsatz) zur Entspannung. Der Staat greift noch nicht direkt ein.
Notfallstufe (Stufe 3): Staatlicher Eingriff erfolgt. Die Bundesnetzagentur verteilt das Gas und priorisiert geschützte Kunden.
Aktuell entleeren sich die Speicher um ca. -0,75 bis > -1,00% pro Tag trotz Wirtschaftsflaute und wir haben noch ca. 10 Wochen Heizperiode im Febr./März/Apr. zu absolvieren. Somit ist die Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer Gasmangellage in den letzten Wochen signifikant gestiegen.
Die ersten Auswirkungen sind bereits jetzt sichtbar. Der Gasspotmarktpreis ist seit Jahresanfang bereits um satte 40% angestiegen und verzeichnet aktuell Preise bei ca. 42,00 €/MWh pro Tag, Tendenz weiter steigend. Aber auch die kurzfristigen Monatsterminmarktkontrakte sind bereits auffällig stark angezogen. Unternehmen, die auf eine Beschaffungsstrategie mit erheblichen Spotmarktmengen gesetzt haben, müssen mit beträchtlichen Mehrkosten rechnen. Neben den empfindlich steigenden Preisen stellt sich grundsätzlich aber auch die Frage der Versorgungssicherheit. Ob wir in diesem Winter in eine Gasmangellage mit Gasbezugseinschränkungen kommen, hängt entscheidend von der weiteren Wetterlage ab und ob jetzt politisch beherzt eingegriffen wird. Von der Angebotsseite her könnte eine erhebliche Steigerung der LNG-Gasimporte spürbar zur Abmilderung beitragen. Allerdings ist der LNG-Markt global und auch in den USA und Asien sind die Temperaturen ebenfalls derzeitig überdurchschnittlich niedrig, sodass auch hier mehr Gas nachgefragt wird. Hinzu kommt, dass LNG-Tanker aus den USA ca. 14 Tage Transportzeit benötigen. Aber wer ergreift die Initiative, um die Gasbestellungen deutlich zu erhöhen? EU, Bundesregierung oder Marktteilnehmer? Darüber hinaus könnte der Strommarkt das Risiko noch verschärfen, da geringe Wind- und Solarerzeugung die gasbasierte Stromproduktion in der aktuellen Wetterkonstellation erhöhen.
Grundsätzlich sollte man jetzt nicht in Panik verfallen. Allerdings ist klar, dass im Fall eines Eintritts die Industrie als „Systempuffer“ herhalten werden muss.
Die Alarmstufe ist noch nicht von der Bundesnetzagentur/Bundesregierung ausgerufen. In dieser Stufe wird lediglich an die Markteilnehmer appelliert, den Gasverbrauch auf freiwilliger Basis zu reduzieren. Bei der Notfallstufe, als letzten Eskalationsschritt, kommt es zum staatlichen Eingriff, wo die Industrie mit Einschränkungen und/oder Abschaltungen rechnen muss. Explizit sind die privaten Haushalte und kritische Infrastruktur (z.B. Krankenhäuser) ausgeschlossen. Die Lebensmittelindustrie stellt einen „Graubereich“ dar, wo es dann für weiteren Gasbezug um die notwendige Einordnung als „systemrelevant“ (Grundversorgung) geht.
Aus unserer Sicht ist eine Gasmangellage aktuell kein zwangsläufiges Szenario, aber das Risiko ist real und messbar erhöht und kann durchaus Ende Februar oder März eintreten. Entscheidend ist daher nicht, ob es zu einer formalen Mangellage kommt, sondern wie gut Ihr Unternehmen auf erhöhte Volatilität, Marktverdrängung und operative Unsicherheit vorbereitet ist. Wer jetzt Vorbereitungen trifft, behält Wahlmöglichkeiten. Wer nicht handelt, wird im schlimmsten Fall vom Markt und vom System gesteuert.
Unsere konkreten Handlungsempfehlungen:
- Bilden Sie ein Risikomanagementteam, dass die weitere Entwicklung aktiv verfolgt und bewertet (Wetter, Preise, Speicherstand, etc.)
- Prüfen sie bereits jetzt Möglichkeiten, um Gas einzusparen bzw. Teilprozesse runterzufahren oder abschalten zu können
- Informieren sie sich bei Ihrem Netzbetreiber, inwieweit Ihr Unternehmen bei der Notfallstufe wirklich mit einer Gasreduktion konfrontiert sein könnte
- Prüfen Sie den Einsatz von alternativen Brennstoffen (fuel switch)
- Wägen sie ab, ob sie das wirtschaftliche Risiko für Preisunsicherheiten (insbesondere bei hohem Spotmarktsourcing) tragen möchten
- Prüfen Sie Ihre Lieferketten in Bezug auf das Krisenszenario
Seien Sie vorbereitet und managen Sie aktiv das geschilderte Risiko für sich!